Tour #5

Klassiker Swiss Made

16.–26. November 2022

Swiss Orchestra
Lena-Lisa Wüstendörfer, Leitung
Viviane Chassot, Akkordeon

16.11.2022, Bern, Casino Bern
19.11.2022, Zürich, Tonhalle
25.11.2022, St. Gallen, Tonhalle
26.11.2022, Andermatt, Konzerthalle

Konzertprogramm

Joseph Stalder (1725 Luzern – 1765 Luzern)
Sinfonie in Es-Dur

Joseph Haydn (1732 – 1809)
Klavierkonzert in D-Dur, Hob XVIII:11 für Akkordeon (orig.Klavier) und Orchester

Franz Xaver Schnyder von Wartensee (1786 Luzern – 1868)
Ouvertüre in c-Moll

Ludwig van Beethoven (1770 – 1827)
Sinfonie Nr. 8 in F-Dur

Die Konzerte eröffnet mit Joseph Stalders Sinfonie in Es-Dur ein frühklassisches Werk, das musikalisch im Übergang des ausgehenden Barocks und der aufkommenden Klassik anzusiedeln ist und mit einer ungewöhnlichen Besetzung aufwartet: Der Sinfonie für Streicher werden zwei Hörner an die Seite gestellt, die mal für geistreich anmutende Lebhaftigkeit, mal für festliche Stimmung sorgen.

Dass nicht nur Neuentdeckungen zu ungewöhnlichen Hörerlebnissen führen können, wird an Joseph Haydns letztem Klavierkonzert in D-Dur, Nr.11 deutlich, das sein bekanntestes Werk für diese Gattung ist und zum Repertoire nahezu aller bedeutenden Klaviervirtuosinnen und -virtuosen gehört. Allerdings übernimmt nicht ein Pianist, sondern die Schweizer Akkordeonistin Viviane Chassot den Solopart, deren Interpretation von Haydns Klaviersonaten laut Alfred Brendel, dem Grandseigneur der Klavierwelt, «vollendet» sei. Viviane Chassot entlockt ihrem Instrument, das fest in der Schweizer Volksmusik verankert ist und das landläufig eher mit Rustikalität oder sogar klanglicher Penetranz assoziiert wird, immer wieder neue Farben: Ihr faszinierendes Spiel entführt in heitere, brillante, innige sowie schwermütige Klangwelten. Und so besteht der Reiz für Viviane Chassot – wie sie selbst sagt – darin, «vertraute Musik anders und neu zu hören»: «Man assoziiert den Klang des Akkordeons intuitiv vielleicht mit Musette, Tango, Volkmusik, und so erklingt Haydns Musik in ungewohntem Klangbild. In erster Linie möchte ich aber die Botschaft dieser Musik transportieren, und mein Mittel dazu ist – vielleicht zufällig – das Akkordeon.»

Wie im Konzert des Swiss Orchestra zu hören sein wird, muss Franz Xaver Schnyder von Wartensee den Vergleich mit den berühmten Namen seiner Zeit in keiner Weise scheuen. Noch auf seinem Frankfurter Sterbebett soll der Luzerner Komponist 1868 voller Ehrfurcht gesagt haben: «Die Menschen sollen Gott danken, dass er ihnen einen Haydn gegeben hat!» Und so würde  es Schnyder mutmasslich freuen, dass einem Werk von Haydn seine Ouvertüre in c-Moll an die Seite gestellt wird. Das 1818 in Schnyders ersten Frankfurter Jahren entstandene, vor Spielfreude sprühende Frühwerk ist ein gelungenes Beispiel für den klassischen Stil.

Während eines einjährigen Aufenthalts in Wien lernte Schnyder Ludwig van Beethoven kennen, traf mehrmals mit ihm zusammen und hoffte auf Unterweisung beim Meister, doch dieser unterrichtete zu jener Zeit prinzipiell nur noch Kardinal Rudolph von Österreich persönlich. Schnyder von Wartensee verbrachte genau jene Zeit zwischen 1811 und 1812 in Wien, in der Beethoven dort seine 8. Sinfonie komponierte, die ebenfalls im Konzert zu hören sein wird. Während sich Beethoven mit zeitpolitischen Umständen im Kontext der jahrelangen napoleonischen Vorherrschaft und der folgenden, europäischen Befreiungskriege beschäftigte, hatte Schnyder von Wartensee ganz andere Sorgen: Im Zuge des Stadtbrands von Baden (bei Wien) am 26. Juli 1812 verlor er seinen gesamten Besitz inklusive Instrumente und Kompositionsmanuskripte und kehrte als Reaktion auf den Brand nach Luzern zurück.

Viviane Chassot wurde in Zürich geboren und lebt heute als freischaffende Musikerin in Basel. Ihren ersten Akkordeonunterricht erhielt sie mit 12 Jahren bei Ernst Kaelin, der sie schon früh in der Interpretation klassischer polyphoner Werke gefördert hat. 2006 hat Viviane Chassot ihre Studien an der Hochschule der Künste Bern bei Teodoro Anzellotti mit dem Master of Performance and Pedagogy abgeschlossen. Von 2009 bis 2013 lebte sie als freischaffende Musikerin in Leipzig. Während dieser Zeit erhielt sie wichtige Impulse durch Eberhard Feltz (Musikhochschule Hans Eisler, Berlin) und besuchte zahlreiche Meisterkurse u.a. bei Ferenc Rados, Andras Schiff und Alfred Brendel.

Nebst reger Konzerttätigkeit gibt Viviane Chassot internationale Meisterklassen. Sie ist Dozentin für Akkordeon am Konservatorium Winterthur und am Hohner-Konservatorium Trossingen. Viviane Chassot ist Mitglied des traditionsreichen Rotary Club Basel. Mit ihren Interpretationen auf dem Akkordeon setzt Viviane Chassot immer wieder neue Massstäbe. Sie tritt als Solistin und Kammermusikerin weltweit in renommierten Konzerthäusern auf wie Philharmonie Berlin, Gewandhaus Leipzig, Guggenheim Museum New York, Wigmore Hall London, Konzerthaus Wien, Tonhalle Zürich. Sie arbeitete bereits mit Dirigenten wie Simon Rattle, David Zinman, Riccardo Chailly und Heinz Holliger und ist wiederholt Gast bei internationalen Festivals.

Als vielseitige Musikerin überschreitet sie stilistische Grenzen: mutig und innovativ verbindet sie Klassik, Jazz, neue Musik und Improvisation. In den vergangenen Jahren spielte Viviane Chassot zahlreiche Uraufführungen und war Gewinnerin des Kranichsteiner Musikpreises. 2015 wurde sie mit dem Swiss Ambassador’s Award London ausgezeichnet. Auf viel Lob bei der Fachpresse und breites Interesse beim Publikum stiessen ihre Debüt-CD mit Klaviersonaten von Joseph Haydn (2009) sowie die «Pièces de Clavecin» von Jean-Philippe Rameau (2011). Viviane Chassot hat Klavierkonzerte von Joseph Haydn gemeinsam mit dem Kammerorchester Basel veröffentlicht. 2019 folgte Opus 2 mit Klavierkonzerten von W.A. Mozart in einer eigenen Bearbeitung für Akkordeon, welchen sie mit der CAMERATA BERN einspielte. Als Künstlerpersönlichkeit mit internationaler Ausstrahlung und Pionierin Ihres Fachs erhielt Viviane Chassot den Schweizer Musikpreis 2021.